#5

TREND #5
ARBEITSWELTEN 2022

Büro braucht
Mut

Unternehmen zögern, in ein neues Büro zu ziehen, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Arbeitswelt gestalten sollen. Das trifft sich gut, der Wiener Büromarkt hat heuer nämlich eh kaum freie Flächen.

Keiner traut sich. Die Hypo Tirol schon. Während zig Unternehmen nicht genau wissen, wie sie nun ihre Büros gestalten sollen, hat die Niederlassung der Tiroler Bank ihre Räumlichkeiten in der Wiener Innenstadt saniert und frisch bezogen. Klares Weiß und Eichenholz schimmert durch die Fenster. Remote Work war von vornherein vorgesehen, flexible Räume ebenso. Ein großer Welcome-Desk mit Blumen und Barista-Kaffee ersetzt die gefängnisartigen Schalter. Im ersten und zweiten Stock finden sich Open-Space-Arbeitsplätze und flexibel gestaltbare Meeting- bzw. Eventräumlichkeiten. Mit einer klassischen Bank hat das nichts zu tun. Braucht es auch nicht, denn die Hypo Tirol in Wien will in Zeiten der Digitalisierung und des Overbankings keine Universalbank sein. Sie fokussiert sich auf Private Banking und auf Firmenkunden mit Immobilienschwerpunkt. In den adaptierten Räumlichkeiten manifestiert sich diese Philosophie.

Erfrischend anders, das Innenleben der Wiener Niederlassung der Hypo Bank Tirol. Die Innenarchitektur kommt vom Atelier Fröhlich, das herausragende Beschriftungskonzept von „And then Jupiter“.
So sieht eine Bank aus, die weiß, was sie kann und will: Privatkunden und Immobilienfinanzierungen
brauchen keine Kassenhalle und
keine SB-Automaten, sondern eine gute Kaffeemaschine.
Neubesiedlungen wie diese sind derzeit aber selten. Das Redbull Media House, die Steuerberater Leitner Leitner und bpv Hügel Rechtsanwälte gehören zu den wenigen Unternehmen, die tatsächlich einen neuen Mietvertrag in diesen virengebeutelten Zeiten unterschrieben haben. Viele sondieren, besichtigen, suchen lange, verhandeln – und brechen dann ab, berichtet Alexandra Bauer von EHL Gewerbeimmobilien, und bestätigt, dass die Vertragsabschlüsse mit der Covid-Kurve korrelieren: Steht eine neue Variante vor der Tür, verringert sich die Bereitwilligkeit der Unternehmen, sich mit dem Standort-Thema zu befassen. Auch Steven Bill Scheffler, Teamleiter Bürovermietung bei OTTO Immobilien, meint: „Ein Großteil der Wiener Unternehmen konnte aufgrund der Maßnahmen nur selten in den Normalbetrieb mit einer Vollauslastung des Büros zurückkehren. Dies führt bei den Entscheidungsträgern zu großer Unsicherheit, wie viel Bürofläche man für das Unternehmen künftig überhaupt benötigt.“ Egal, weil viele Möglichkeiten gibt es ohnehin nicht. Der Wiener Büromarkt bietet heuer nicht viel Auswahl. Die geringe Zahl an neugebauten Büroflächen bremse zusätzlich den Mobilitätswunsch vieler Unternehmen, heißt es bei OTTO Immobilien. Und 78 Prozent der Flächen, die heuer auf den Markt kommen, sind bereits vergeben, sprich vorvermietet. Am knappsten sind Neubauten. Nur zwei Projekte sind echte Neubauten (Twenty One und Doppio Due), beim Rest, nämlich 82 Prozent, handelt es sich um Refurbishments.
Selbst in den Besprechungszimmern gibt es viele Möglichkeiten, um spontan zu arbeiten – oder um bei Events Abstellfläche zu haben.

Flexibilität und Attraktivität

Auch wenn nicht jeder so klar wie die Hypo Tirol weiß, was sie braucht und wohin sie geht, steht fest, dass der „new way of working“ etabliert ist. Im Mittelpunkt muss wohl immer die hohe Flexibilität stehen, egal ob gerade ein Virus wütet oder sich Projektteams wie eine Ziehharmonika aufblähen, um danach gleich wieder zu schrumpfen. Eine ansprechende Arbeitsinfrastruktur und großzügige Gemeinschaftsbereiche liefern den Anreiz, regelmäßig gerne das Büro aufzusuchen. „Dies stellt auch einen wichtigen Faktor im Buhlen um neue, qualifizierte Mitarbeiter dar“, bestätigt Scheffler. Potenziellen neuen Kollegen, die in der Wiener Tegetthoffstraße 4 an der frisch strahlenden Hypo Tirol vorbeigehen, werden jedenfalls überzeugende Argumente geliefert. Mut macht sich eben bezahlt.
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