Es braucht mehr Krapfen!

TREND Verdichtung

Am Rande der Dörfer und Städte werden Einkaufszentren und Wohnsiedlungen gebaut. Die Zentren veröden, die Orte werden für kommende Generationen unattraktiv. Roland Gruber kennt Gegenmittel.

Roland Gruber, Geschäftsführer von nonconform

Was essen Sie lieber – Krapfen oder Donut?

Gruber: Eigentlich bevorzuge ich Salziges. Wenn ich das jetzt aber als Metapher auf unsere Orte übertrage, dann waren diese in der Geschichte dem Krapfen sehr ähnlich. Durch die Industrialisierung und Nutzungs­trennung haben sie sich mehr und mehr in Richtung Donut entwickelt. In den letzten Jahren sind die Donut-Löcher zusehends größer geworden, also die Ortsmitten wurden entleert und die Peripherie ist eine Art unansehnlicher Teigling geworden. Die deutsche Städtebauprofessorin Hilde Schröteler von Brandt hat diese Entwicklung als Donut-Effekt formuliert. Noch nie stand die Herausforderung, wie mit den Leerständen im Zentrum der eigenen Stadt oder ­Gemeinde ­umzugehen ist, an so zentraler Stelle der gesellschaftlichen Diskussion. Denn das Phänomen der aussterbenden Orts- und Stadtkerne ist nicht zu übersehen. Deshalb sagen wir, es braucht einen Krapfen-Effekt. Wir müssen wieder mehr vom süßen Leben in die Ortsmitte bringen.

Was haben wir falsch gemacht?

Gruber: Es gibt viele Gründe. Ein wesentlicher ist die gestiegene Automobilisierung der letzten Jahrzehnte, durch die sich viele vitale Funktionen an die Orts­ränder ver­lagerten und die Nutzungstrennung forcierten. ­Zuerst entstanden ausgedehnte Einfamilienhaus­gebiete, bald folgten die Handels- und Einkaufszentren und mittler­weile finden sich da und dort auch Verwaltungs- oder Gesundheitseinrichtungen in peripheren Lagen. Und der Online-Handel setzt jetzt noch ein Schauferl drauf. Diese Entwicklung ist kein österreichisches ­Phänomen, das ist in immer mehr Orten und Regionen in Europa und darüber hinaus sichtbar.

„Der Krapfen-Effekt: Wir müssen wieder mehr vom süßen Leben in die Ortsmitte bringen.“
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Wir alle verbrauchen zu viel Fläche …

Gruber: Ja, trotz hohem Leerstand in gut erschlossenen Ortskernen werden nach wie vor die meisten neuen Einfamilienhaus- oder Gewerbegebiete in flächenverbrauchenden, neuen Baugebieten am Ortsrand umgesetzt. Es wäre jedoch wesentlich klüger und vor allem auch ressourcenschonender, unsere verödeten Orts- und Stadtzentren mit kreativen und zeitgemäßen Formen von Wohnen, Arbeiten, Handel und Freizeit zu beleben, vorhandene Gebäude und Flächen zu nutzen, umzu­bauen, weiter zu bauen oder, wo noch Platz ist, neu zu bauen. Diese kompaktere Bauweise und höhere Dichte sowie die dabei entstehenden Nutzungsdurchmischungen dämmen den Flächenverbrauch ein und sind essenziell für ein intaktes Ortsbild und für den Sozialraum der Menschen! Eine ältere Dame hat bei der Eröffnung des neuen Ortszentrums in Fließ gesagt: „Endlich treffen wir uns wieder am Dorfplatz und nicht mehr nur auf dem Friedhof.“

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