Geldverdienen mit der Pflege: notwendig oder unmoralisch?

TREND Demografie

Das Wohnzimmer einer kleinen Altbauwohnung in München Obergiesing wird zu einer Bühne. Ein junges Pärchen genießt die letzten Bissen ihres Abendessens. Sie ist Immobilienökonomin. Er ist Ökonom und Informatiker.

Über den Text

Veronika: Mal was ganz anderes. Wäre es nicht spannend, dieses Jahr wieder am IREBS Ideenwettbewerb teilzunehmen? Das Thema lautet „Geldverdienen mit der Pflege: notwendig oder unmoralisch?“.
Viktor: Wir haben eigentlich keine Zeit dafür. Lass uns lieber noch eine Runde vor die Tür gehen. Ich bin heute gefühlt den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen.
Veronika: Komm schon. Denk an die Situation mit deiner Oma. Die Pflege kostet ein Heidengeld, und die Qualität – naja. Abgesehen davon kritisierst du doch immer, dass unsere Generation lieber konsumiert, als sich politisch oder sozial zu engagieren.
Viktor: Du hast ja recht. Ich komme einfach mit dem Gedanken nicht klar, dass wir über ein Thema wie Pflege schreiben müssen. Unser Leben ist wie im Zeitraffer. Gefühlt habe ich mich gestern noch über Pokémon und Super Mario unterhalten, und heute geht es um Arbeit, Alters­vorsorge und jetzt auch noch Pflege. Wir werden alt.
Veronika: Es würde wirklich Sinn ­machen. Wir müssen uns so oder so diesem Thema widmen. Ich habe auch schon ein paar gute Ideen. Grundsätzlich denke ich, dass wir es ohne die Privatwirtschaft nicht schaffen können. Und die Privatwirtschaft wird nur aktiv, wenn sie eben Geld verdienen kann. Für mich ist es also ­weniger eine Frage nach dem „Ob“ als nach dem „Wie“.
Viktor: Da bin ich ganz bei dir. Mir ­fallen dazu auch noch einige technische ­Lösungen ein, zum Beispiel sensorbasierte Monitoring­systeme oder gegebenenfalls Pflegeroboter für körperlich ­intensive Pflegearbeiten. Damit könnte man Kosten senken und den Fokus auf das Zwischenmenschliche richten. Pflegekräfte in ­solchen Heimen wären echte Ansprechpartner. In Japan Usus, aber in Deutschland vermutlich schwierig. Auf jeden Fall denke ich auch, dass wir hier den Fokus auf die Sozialverträglichkeit setzen sollten.
Veronika: Bitte nicht zu technisch, denk an unsere Leserschaft.
Viktor: Haha, ich halte mich damit zurück. Wenn wir übrigens über Moral und Ethik schreiben wollen, müssen wir eine gemeinsame Diskussions­grundlage haben. Macht schließlich wenig Sinn, wenn die ­einen konsequentialistisch und die ­anderen deontologisch Moralität bewerten.
Veronika: Dann sollten wir sagen, dass wir utilitaristisch Moralität betrachten. Das ist schließlich auch die philosophische Grund­lage für den Kapitalismus unserer industrialisierten westlichen Welt.
Viktor: Ah, ich hab einen Gedankenblitz. Wie fändest du es, wenn wir nicht ein klassisches Essay schreiben, sondern eine Art Zwiegespräch? Quasi eine Geschichte in der Geschichte. Oder denkst du, dass das für die Immobilienbranche etwas zu artsy und abgespaced ist?
Veronika: Nö, die sagen doch immer, dass sie jetzt alle kreativer und innovativer sein wollen.

Laptops werden hervorgekramt und starten leicht brummend in eine abendliche Arbeitsschicht. Ein Glück, dass Computer noch keine Gewerkschaft haben. Mal abwarten, ob das so bleibt. Arhythmisch klacken die Tastaturen. Die moderne Klaviatur der ­Emsigkeit.

Viktor: Wir sollten das Thema nicht nur aus Immobiliensicht aufgreifen, da wir sonst die soziale Seite der Pflege außer Acht lassen würden. Und nicht zu Investment-analytisch.
Veronika: Ich werde trotzdem ein paar Zahlen raussuchen – Diskussionen ­müssen faktenbasiert sein. Zu Pflege­immobilien habe ich schon einige Reports gelesen, und dann schau ich mir noch ein paar Statistiken zur Pflege in ­Deutschland an.

Diverse Tabs im Browser von Veronika sind geöffnet. Zahlen werden jongliert und ­notiert. Viktor ist das Grübeln über den nächsten Satz ins Gesicht geschrieben. Aus den Lautsprechern eines Laptops schallt jazzige Musik.

Viktor: Findest du die Frage „Welches Alter können wir uns in Zukunft leisten?“ als Zwischenüberschrift nach der Einleitung zu zynisch oder noch passend?
Veronika: Ganz im Gegenteil, der Artikel soll ja zum Denken anregen, und es ist eine plausible Frage. Ein Pflegeplatz Stufe 3 kostet durchschnittlich 3.165 Euro in Deutschland. Wenn das die Pflegeversicherung nicht voll zahlt, dann kann es nicht nur für den deutschen Durchschnittsverdiener eng werden. Du musst ja auch bedenken, dass viele Menschen, bevor sie Pflege brauchen, schon erhöhte Gesundheitsausgaben haben und länger nicht erwerbstätig sind.
Viktor: Gut analysiert. Hast du noch ein paar andere Fakten, die mich vielleicht inspirieren könnten?
Veronika: Klar. Bereits 2015 hatten wir 2,9 Millionen Pflege­bedürftige. Deren ­Anzahl wächst stetig, was auf den demo­grafischen Wandel und unsere steigende Lebenserwartung zurückzu­führen ist. ­Daran sieht man auch, dass sich das ­Problem in Zukunft noch verschärfen wird. Bei den über 90-Jährigen sind beispielsweise 66 Prozent pflegebedürftig.
Viktor: Ich hoffe, dass uns das erspart bleibt.


Das Gespräch verstummt kurz. Die Musik läuft weiter.

Viktor: Hast du noch was anderes ­raus­gefunden, was wir für den Artikel ­verwerten können?
Veronika: Haha, ja, zu viel für 10.000 Zeichen. Es gibt über 13.000 Pflegeheime, die Mehrheit wird von freigemein­nützigen Trägern betrieben und der Anteil der Privaten liegt bei etwas über 40 Prozent, der des Staates gerade einmal bei 1 Prozent. Da wäre also noch Luft nach oben. Dass im Bereich der Pflege ein lukrativer Wachstumsmarkt schlummert, haben auch diverse Immobilienunternehmen erkannt, die in Pflegeheime investieren. Extrem krass finde ich übrigens, dass in Deutschland mehr als 70 Prozent der Pflege­bedürftigen zu Hause betreut werden. Wenn es aber in Zukunft immer weniger junge Nachkommen der Ex-Baby­boomer gibt, dann wird diese Quote unmöglich beizubehalten sein. Die schon heute unerfüllte Nachfrage nach Pflegeplätzen in Heimen wird steigen. Da bin ich mir sicher.
Viktor: Das ist wirklich krass. Ich hätte niemals gedacht, dass so viele Menschen zu Hause gepflegt werden. Die logische Konsequenz ist also, dass wir in Zukunft mehr Pflegeheime mit Vollbetreuung brauchen. Die öffentlichen Träger haben es bis dato ja nicht wirklich geschafft, das Problem zu adressieren, weshalb der Fokus auf die Privatwirtschaft zu ­richten wäre.
Veronika: Sehe ich auch so. Aber wir ­brauchen ethische Investments. Ähnlich wie im Social-Entrepreneurship-Bereich, wo soziale Projekte günstige Kredite bekommen, dafür aber keine über­zogenen Preise verlangen und zwei­stellige Renditen für Investoren abwerfen dürfen. Deren Ziel ist es, ein Projekt so zu fördern, dass einerseits die Unternehmerinnen eine stabile Rendite bekommen, von der sie gut leben und Ange­stellte beschäftigen ­können. Auf der anderen Seite bekommen die Nutzer, in unserem Fall die Pflege­bedürftigen, eine gute Dienstleistung zu einem fairen Preis.
Viktor: Das würde perfekt zu unserem utilitaristischen Moralverständnis passen, da es ja das Gemeinwohl der Privatwirtschaft und der Pflegebedürftigen maximieren würde. Wir können also argumentieren, dass man mit der Pflege natürlich Geld ver­dienen darf, wenn nicht gar muss, um die richtigen Anreize zu setzen, es aber eben genauestens auf das „Wie“ ankommt. Auf den freien Markt können wir uns aber nicht verlassen.
Veronika: Allerdings. Der ökonomische Mythos der Pareto–Optimalität. Erstes Semester Makroökonomie 1. Das waren noch Zeiten. Eigentlich lustig, dass sowas kurz nach dem Platzen der Finanzblase noch so unterrichtet wurde. Der Markt hat in weiten Teilen offensichtlich versagt und sich nicht pareto-optimal entwickelt.
Viktor: Da könnte jetzt jemand dagegen argumentieren und behaupten, dass es an dem Mehr an Regulierung in Europa und insbesondere Deutschland liegen könnte.
Veronika: Diesem Gegenargument ­müssen wir gleich den Wind aus den Segeln nehmen.
Viktor: Logo, und ich weiß schon, wie. Die USA sind das beste Beispiel. Dort sind das weitgehend privatisierte Gesundheits­wesen und die Pflegebranche in einem desolaten Zustand. Dort müssen in ruralen Regionen regelmäßig kostenfreie Untersuchungen von gemeinnützigen Organisationen für Bürger, nicht nur Pflege­bedürftige, organisiert werden, da das staatliche Gesundheitssystem nicht ausreicht und Privat zu teuer ist. Auch gibt es NGOs, die sich um Pflegefälle kümmern und sie beispielsweise mit Lebensmitteln versorgen. Altern in Würde schaut auf jeden Fall anders aus, und das in einem Industrieland, welches Regulierung weitaus kritischer sieht als wir.
Veronika: Regulierung ist eben nicht nur schlecht. Das sollten wir betonen. Der Staat sollte also Investoren ver­günstigte Kredite anbieten, um Pflegeheime zu ­bauen und zu betreiben. Diese Rolle ­könnte die KfW-Bank übernehmen. Im Gegen­zug müssten sich Privatunternehmen an Auflagen halten und Preise inflations­bereinigt fixieren, sodass Pflegebedürftige zu fairem Preis gut versorgt sind. Gebührenerhöhungen oder Personaleinsparungen müssen gesetzlich reglementiert sein, sodass wir eine langfristig faire und nachhaltige Pflege für alle gewährleisten können.

Der Text wurde von der Redaktion gekürzt.

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