Das rollende Büro

„Mein Vorhaben hat zwar die Anmutung von Urlaub, ich arbeite aber normal weiter. Mein Job erlaubt es mir, dabei nicht in einem Büro sitzen oder in Wien sein zu müssen. Mein Büro kann überall sein. Es genügen mir mein Laptop und eine Internetverbindung.“

Birgit Wagner fuhr 70 Tage mit ihrem Auto durch Europa – und ging ihrem Job ganz normal nach. Hier berichtet sie über ihre Erfahrungen als Digitale Nomadin. als jemand der keine Büroimmobilie mehr braucht.

Deutschland/Kusterdingen 740,3 Kilometer

Meine erste Station als Digitalnomadin führt mich zu Freunden nach Kusterdingen in Baden-Württemberg. Morgens gehe ich mit Jörg aus dem Haus, spaziere mit ihm durch den kleinen Ort zu seinem Fotostudio und beziehe dort einen Schreibtisch. Das passt ganz gut, denn ich habe ein Projekt mit Deadline, die ich keinesfalls verschieben möchte. Intensive Arbeits­tage am Anfang dieses Projekts, aber dank der Infrastruktur ein Klacks.

In Lissabon klinkte sich Wagner in das cowork central ein – da gab es zum Arbeiten dann wieder einen richtigen Schreibtisch.

Niederlande/De Biesbosch 1768,1 Kilometer

Oje, es gibt keine Internetverbindung, dafür Natur pur – ich bin im ornithologischen Rentnerparadies gelandet. Um online gehen zu können, rolle ich am Fahrradweg (ein Glück, dass die Nieder­länder so viele Kilometer davon haben) 2,5 Kilometer mit meinem Longboard zur Fähre, die mich auf die andere Uferseite bringt. Von dort rolle ich weitere 8 Kilometer nach Dordrecht. Beim ersten Café mache ich Halt, frage nach dem WiFi und bestelle einen Kaffee. Nach knapp drei Stunden Arbeiten mache ich eine kurze Pause, schlendere durch Dordrecht und setze mich dann abermals in ein Lokal mit WiFi und bearbeite weitere Anliegen. Heute, wo das EU-weite Roaming günstig genug geworden ist, wäre mir diese kleine Reise erspart geblieben …

Oh Gott! 10. Mai 2017, Blogbeitrag #25
Panikattacke: No WiFi! Kein WiFi zu haben, ist für jeden Digitalnomaden schädlich. Vor allem, wenn die Kunden Sehnsucht nach einem haben.

Frankreich/Plouharnel nähe Quiberon 3103,8 Kilometer

Ein Glück, dass Wochenende ist, denn ich habe wieder kein WiFi bzw. nur einen Gutschein am Campingplatz für eine Stunde. Effizienz bekommt unter Zeitdruck eine neue Bedeutung.

Frankreich/Batz sur Mer 3208,3 Kilometer

Work-Life-(Beach-)Balance: Am Campingplatz La Govelle sind nur sieben Camper – sechs davon sind Pensionisten – und ich, die Digitalnomadin. Das WiFi geht nur in einem Raum, den ich für mich in Beschlag nehme und zu meinem temporären Büro erkläre. Die ausgedehnte Mittagspause verbringe ich am Strand, der sich 25 Meter von meinem „Büro“ ausbreitet. So muss Arbeiten!

Work-Life-(Beach-)Balance, 26. Mai 2017, Blogbeitrag #27
Nachdem ich die letzten beiden Wochen immer nur eine, maximal zwei Nächte an den besuchten Orten geblieben war, hatte ich Sehnsucht nach etwas Stabilität, Beständigkeit. (…) Dank der sommerlichen Temperaturen gibt es in meinem Freiluftbüro nur einen Dresscode: Bikini, Hut und Sonnencreme.

Frankreich/Lacanau 3759,9 Kilometer

Mein Reisegefährte – sprich: mein Auto – hat schlappgemacht und steht nun in der Werkstatt. Nach gut drei Wochen Autoleben (ich habe mir ja von meinem Tischler ein Bett einbauen lassen) beziehe ich ein Quartier. Das WiFi läuft, zu 95 Prozent erfolgt die Kommunikation mit ­meinen Auftraggebern während meiner gesamten Tour über E-Mail. Anrufe halten sich in Grenzen. Ab und an nutze ich für die Kommunikation SMS oder WhatsApp. Intensive Arbeitstage, alles läuft und tut. Ganz wunderbar.

Frankreich/Bordeaux, 3. bis 9. Juni

Die Autowerkstatt in Lacanau hat die Fehlermeldung im Bordcomputer meines Škodas nicht gelöscht. Ich bleib somit mit derselben Fehler­meldung abermals liegen. Ich sitze hier fest. Nicht weil das Auto kaputt ist, sondern weil der Verbund aus Škoda Österreich, Škoda Assistance ACTA (Frankreich-Partner) und der Werkstatt in Le Bouscat mir – so scheint es – nicht helfen will. Ich bin Vollzeitoptimistin und hoffe jeweils nachmittags den erlösenden Anruf zu bekommen, um mein Projekt Digitalnomadin weiterführen zu können. Aber nein, sechs Tage lang wechsle ich die Quartiere täglich und begebe mich immer wieder aufs Neue auf die Suche nach WiFi, um für meine Kunden erreichbar zu bleiben. Ein emotionales Schaumbad mit den Badezusätzen Frustration und Euphorie.

Portugal/Cascais 5656,3 Kilometer

Hier am Orbitur-Campingplatz außerhalb von Cascais ist WiFi nur im Barbereich und Gemeinschaftsraum vorhanden. Jeden Morgen gegen 9.30 Uhr beziehe ich letzteren und eröffne mein Büro. Am späten Nachmittag wiederhole ich dieses Ritual und erledige weitere Aufträge.

Portugal/ Lissabon

Mit dem Bus fahre ich um kurz nach 8 Uhr vom Campingplatz zum Bahnhof von Cascais. Den Zug nach Lissabon Cais-do-Sodre verpasse ich knapp, nehme den nächsten (ein Glück, dass viertelstündlich einer in die portugiesische Hauptstadt tingelt) und beziehe im Coworking-Space „cowork central“ einen Schreibtisch. Das erste Mal seit sehr langer Zeit eine Infrastruktur inklusive Kaffeeküche und Coworkers. Ein regelrechter Arbeitsrausch erfasst mich und ich haue sechs Stunden in die Tasten, ehe es Zeit wird, wieder den Rückweg anzutreten. Ich schlendere noch kurz durch meine Lieblingsstadt Lissabon und begebe mich zufrieden mit dem Zug zurück nach Cascais.

„Tag 55 und ich bin noch nicht satt. Mein Hunger ist noch nicht gestillt, die Lust, die Heimreise anzutreten, noch nicht spürbar.“
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Spanien/Madrid 6307,3 Kilometer

Nach mehreren Wochen am Atlantik ist es Zeit, langsam aufzubrechen, die Heimreise anzu­treten. Erster Stopp: Madrid. Die Großstadt erschlägt mich, mir ist das alles zu viel. Ich verlasse meine Unterkunft im Herzen der spanischen Hauptstadt kaum, das Auto schlummert in einer Parkgarage. Das WiFi funktioniert sehr gut und ich muss mein Zimmer dafür nicht verlassen. Die Kunden scheinen dies zu spüren, denn es gibt einiges zu tun. Am Samstag, 24. Juni, stehe ich sehr zeitig auf, verlasse um 6 Uhr morgens das Quartier, hole mein Auto und begebe mich an die Ostküste Spaniens. Ich vermisse das Meer und fühle mich erst wieder komplett, als ich Madrid hinter mir gelassen habe. Für Großstadt ist es noch zu früh.

Gardasee

Kurz vor dem Ende des Projekts ging es noch zum Gardasee. In erster Reihe fußfrei arbeitete Wagner ihre Tasks ab.

Italien/Brenzone Sul Garda 8253,2 Kilometer

Lediglich ein schmaler asphaltierter Streifen trennt mein Büro vom Gardasee. Ein herrliches Ambiente, und mein Stellplatz ist der letzte, bei dem das WiFi noch ankommt. Ein Glück, denn einer meiner Kunden hat intensive Sehnsucht nach mir.

„Mein vorsommerlicher Teint nähert sich dem Pantone-Farbton 4645C.“
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Österreich/Wien 9091,6 Kilometer

Hallo Komfortzone. Hallo Home-Office. Nach 70 Tagen Digitalnomadentum bzw. multilokalem Arbeiten alles irgendwie ungewohnt.

Fazit

Obwohl sich mein Büro fast täglich neu gestaltet hat und ich mit einer eingeschränkten Infrastruktur zurechtkommen musste, hat das Arbeiten als Digitalnomadin sehr gut geklappt. Wenn ich wusste, dass ich längere Fahrten vor mir hatte, habe ich meine Auftraggeber entsprechend informiert – sofern ich wusste, dass ein Job akut war und es eine Deadline gab. Dennoch war es für mich stellenweise verwunderlich, dass WiFi im Jahr 2017 nicht flächendeckend verfügbar ist. Es hat mal besser, mal weniger gut funktioniert, und wie bereits erwähnt, im Frühjahr 2017 gab es noch kein wirklich günstiges Datenroaming. In den Momenten, wo ich privat und in meiner Freizeit war, war ich dankbar, offline sein zu können. Ich habe meine Auftraggeber ab etwa drei Monate vor Reisebeginn auf dieses Vorhaben aufmerksam gemacht und diesen zugesagt, dass sich trotz der geografischen Distanz an ­meiner Arbeitsleistung, meiner Kommunikations­leidenschaft nichts ändern und es zu keinen ­Verzögerungen kommen werde. War’s gut? Es war verdammt gut! In ein paar Monaten möchte ich das Ganze wiederholen – ­diesmal mit dem Zug.

Alle Blogbeiträge unter
www.schoenschreiben.com

Lass dich fallen, 2. Juli 2017, Blogbeitrag #32
Ich war mutig, habe dieses Abenteuer gewagt. Ich bin über 9.000 Kilometer durch Europa gefahren, habe meine Komfortzone aufgegeben, habe losgelassen, bin gegangen, habe angefangen. Habe nicht zurück, sondern nach vorne geblickt. Habe entdeckt, erkundet und geträumt. Habe nicht gesucht, sondern gefunden. Viele einzelne Momente, Orte und Geschichten. Meine Expedition Happyness ist das Leben. Und ich bin mittendrin.

 

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