Stadt-Land-Paradox

Die Stadt wird dichter und lebendiger, dennoch wollen immer mehr Menschen aufs Land.

Da stimmt was nicht. Auf und ab wird der Trend zur Urbanisierung gepredigt, und dann das: 53 Prozent der Österreicher wollen am Land leben. Das ergab eine Umfrage von s REAL und Wohnnet, an der 6.875 Personen teilnahmen. Auch in Deutschland lässt sich der Trend feststellen, schon 2014 haben mehr Menschen die sieben großen Städte Deutschlands verlassen, als neu zugezogen sind, ­berichtet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Als Gründe für diesen Antitrend werden einerseits steigende Mieten in den Großstädten vermutet, andererseits der Wunsch nach Freiraum. Terrasse oder Balkon sind ohnehin schon ein Muss bei neuen Wohnungen, „seit zwei Jahren wird auch das Bedürfnis nach einer größeren Wohnfläche wieder stärker: Waren es 2012 nur 18 Prozent, stieg es im Vorjahr auf 23 Prozent und kommt heuer auf 26 Prozent“, heißt es in der s Real/Wohnnet-Studie. In der Stadt gibt es aber den klaren Trend zu kleineren Grundrissen. Auch weil weniger Fläche eben leistbarer ist. Ein weiterer Grund, warum die Urbani­sierung relativiert werden muss: Zwar ziehen immer mehr Menschen in österreichische Städte, aber relativ ­gesehen ist das nichts – im internationalen Vergleich. Denn wenn die UN von Landflucht spricht, dann redet sie in erster Linie von dem enormen Zuzug in Afrika und in Asien, von Energiefragen, Slums, Luftverschmutzung, Wasser­problemen, Müll. In einer Dimension, von der wir nicht mal Albträumen.

+8 Prozent > Anteil der ­Österreicher, die sich ­ländliche ­Idylle statt Stadt ­wünschen: 2014: 45 %, 2015: 53 %
Nur 28 % wollen in Wien oder in einer Landes­hauptstadt ­leben.
27- BIS 39-jährige – Binnenwanderung nach politischen Bezirken
18- BIS 26-Jährige – Binnenwanderung nach politischen Bezirken

Wunsch und Wirklichkeit

Zurück in die Heimat: Da wollen also mehr als die Hälfte der Menschen in der ländlichen Idylle wohnen. Der Wunsch hat sich bei den Österreichern im Vergleich zu den Vorjahren sogar um 8 Prozent verstärkt. Weitere 19 Prozent ziehen ein Leben in einer Bezirksstadt dem in der Bundeshauptstadt Wien oder einer der Landeshauptstädte vor. Diese Sehnsucht äußert sich nicht nur bei Wohnfragen. Der Biowein wird mit dem SUV ab Hof geholt, Outdoorpro­dukte finden reißenden Absatz, plötzlich kann man wieder Tracht anziehen, und Marmelade einkochen gehört zur Haushaltsarbeit. Die Wirklichkeit am Land sieht aber (auch) anders aus: Verlassene Wirtshäuser, verwaiste Zentren, leere Geschäftsflächen gehören zum Ortsbild. Immer mehr Regionen kämpfen mit dem Sterben und gegen die Abwanderung der jungen Bevölkerung. Das muss nicht so sein. „Ländliche Regionen können sich vor dem Hintergrund von Konnektivität, Neoökologie und smarter Mobilität neu erfinden“, schreibt das Zukunftsinstitut in der Ideensammlung „Das Comeback der Dörfer“. Was sonst noch wichtig ist, um die „Idylle“ auch wirklich wieder lebenswert zu machen, lesen Sie hier.

Pendlersteuer statt -pauschale
Attraktive Wohnformen für alt und jung schaffen
Bezirke abschaffen
Einnahmen – vom Zentralismus zum Föderalismus
Innenstadtprämie statt Zersiedeln
best practice

 

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