Stadt statt Camp

Winterfeste Gebäude aus recycliertem Abfall, Prothesen aus dem 3-D-Drucker, Gärten, die das Abwasser filtern – das Projekt More Than Shelters versucht, Flüchtlingslager zu menschenwürdigen Lebensräumen zu machen. Eine großartige Mission mit vielen Lerneffekten auch für die hiesige Stadtentwicklung.

Innovationsmanagement, Stadtentwicklung, Kommunikationsagentur oder gar Entwicklungshilfe? Man mag es nennen, wie man will, Daniel Kerber spricht von einem Sozialunternehmen und von Architektur- und Designkonzepten für humanitäre Zwecke. So theoretisch das klingt, so pragmatisch sind seine Lösungen. More Than Shelters heißt der Verein, der mit dem Status quo in Flüchtlingslagern nicht zufrieden ist. Der Raum soll sich den Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Und das ist richtig spannend.

Der Krieg als Nachbar

Zum Beispiel Za’atari in Jordanien. In das viertgrößte Flüchtlingslager der Welt mit 80.000 Menschen reiste Kerber 2014 auf Einladung des Österreichers und ­damaligen Camp-Managers ­Kilian Kleinschmidt und schnell war ihm klar, er wolle was verändern, anstatt das Elend zu verwalten. „Der Grundriss eines ­solchen Lagers ist, wie man das seit vielen Tausenden Jahren im militärischen Sektor macht. Eine logistische Meisterleistung, quadratisch, praktisch, gut. Für Waren, aber halt nicht für die Menschen zum Leben gemacht“, erzählt Kerber. Das Camp in der Wüste ist so groß wie 4.000 Fußballfelder, es liegt an der Grenze, man hört den Krieg, es gebe mehr Frauen als Männer, „weil die Männer auf der anderen Seite noch was zu tun haben“. Die durchschnittliche Bestandsdauer eines Flüchtlingslagers beträgt heute fast 20 Jahre und die Aufenthaltsdauer eines Flüchtlings beträgt im Schnitt bis zu 12 Jahren. Da wundert es nicht, dass die Menschen in den Schachbrettmuster-­artigen Camps beginnen, sich zu organisieren und zu engagieren. Ein Organismus entsteht, eine Stadt organisiert sich selbst bzw. auch mit Hilfe von außen – genau da kommt More Than Shelters ins Spiel. Heraus kommt dann zum Beispiel ein Garten als Lösung für das massive Abwasserproblem im Camp.

Vom Künstler zum Stadtmacher
Eigentlich ist Daniel Kerber bildender Künstler. In den 90er-Jahren zog der geborene Frankfurter von Paris nach Berlin und befasste sich erst mit der Stadt und wie man diese gestalten kann, dann mit fremden Städten und ­schließlich mit Slums. 2012 gründete er More Than Shelters, ein  einzigartiges, inter­disziplinäres Designstudio für humanitäre Zwecke.

Kanal gibt es natürlich keinen, in kleinen Gräben floß das ungefilterte Wasser aus den Containern und irgendwo versickerte es. „Wir reden mit den Menschen, hören zu, was sie brauchen und was sie können. Manchmal bilden wir ungewöhnliche Koalitionen“, erzählt Kerber und zeigt ein Foto eines jungen holländischen Studenten, der sich auf Gärten spezialisiert hat, die Wasser filtern. Ihn hat Kerber mit einer Familie, die in Syrien eine Landwirtschaft betrieb, zusammengespannt, auch sie verfügten über eine ähnliche ­Methode. Gemeinsam wurden also Minigärten bei fünf Familien im Camp entwickelt und getestet. Bingo – es funktionierte, das Wasser war sauber und die Pflanzen konnte man nutzen. Eine Einheit kostet lediglich 2 US-­Dollar. Um die Idee schnell zu verbreiten, wurde ein Gartenclub mit Trainingsprogramm gegründet: Eine Familie zeigte der nächsten, wie der Garten funktioniert. 40.000 ­Gärten waren es schließlich, das Camp hatte saubere Infrastruktur und die ­Menschen eine Aufgabe.

Die durchschnittliche Bestandsdauer eines Flüchtlingslagers beträgt heute fast 20 Jahre.

Masterplan und Kasteldenken

Den Menschen zuzuhören und sie zu unter­stützen – das ist smarte Stadtentwicklung. Um ein gemeinsames Verständnis und eine Vision für die Region zu entwickeln, hat More Than Shelters in Za’atari Analysen und Visions-Workshops durchgeführt, um diverse Akteure zusammenzu­bringen. In Kooperation mit UNHCR und der Stadt Amsterdam wurde etwa der Mafraq 2018 Visionsentwicklungs-Workshop organisiert, zu dem Teilnehmer von verschiedenen im Lager aktiven Organisationen und Politiker der Region Mafraq eingeladen waren. Denn die Camp-Bewohner organisieren sich auch sozial und bilden Gruppierungen, auch poli­tische Parallelwelten. Oder sie betreiben Handel, schmuggeln, kochen, verkaufen das Gekochte, gründen ein Restaurant. Andere sammeln Kleidung, nähen, vermieten, spezialisieren sich. In ­Za’atari gibt es sogar ein Verleihgeschäft für Hochzeitsgewand. „Im Camp hat sich eine Hauptstraße für den Handel entwickelt, dort gibt es 4.000 Geschäfte. 13 Millionen US-Dollar werden dort umgesetzt, 50.000 Hühner werden jeden Monat verkauft“, so Kerber. Man könne und solle dieses Engagement nicht abwürgen, man müsse ihnen den entsprechenden Raum geben, etwa indem man kommerzielle Zonen definiert und das Kastel-Denken des militärischen Lagerplans auflöst. Nachdem die Flüchtlinge aus „privatisierten“ Zaunteilen und Rädern Transportmöglichkeiten für Container zusammengeschweißt hatten, begannen sie diese zu verschieben. Verbieten? ­Sinnlos. Die Lösung: Man hat die Container mit GPS-Modulen ausgestattet und kann jetzt in Echtzeit ihre ­Positionen abrufen, was ihre Mobilisierung bzw. die „Stadtplanung“ erleichtert.

Modulare Raumsysteme
fluechtlinge_klein„Domos sind anders als die Zelte, in denen wir bisher wohnten, weil sie sich wie ein echtes Haus ­anfühlen – nicht wie ein Zelt“, meint Matten ­Walizada, ein afghanischer Flüchtling, der im Jänner 2016 in der Hamburger Schacken­burgallee in einem dieser sogenannten Domos wohnte. ­Dabei handelt es sich um sechseckige Konstruktionen aus dem More-Than-­Shelters-Büro, die schnell dort aufstellbar sind, wo sie gebraucht werden. Sie halten allerhand Wind und Wetter aus, vor allem aber sind sie modular kombinierbar und können so auf die individuellen Bedürfnisse der Flüchtlinge eingehen – zum Beispiel können Familien zusammenbleiben. Da sie im Unterschied zu Turnhallen auch eine Privatsphäre bieten, werden die Domos mit gut 23 Quadrat­meter Fläche auch als Rückzugsort für stillende Mütter oder zur ärztlichen Versorgung eingesetzt. Für besonders herbe Außentemperaturen wurde das Como Arctic entworfen, es besteht aus stoßfesten Sandwich-Paneelen (EPS-Kern mit hochfester Glasfaser laminiert). Diese Variante ist auch beheizbar.www.morethanshelters.org

Produktdesign mit Müll

Oder man unterstützt die Menschen, indem man ihnen neue Technologie gibt. Zuletzt wurde daran gearbeitet, den Müll wiederzuverwerten und daraus wintertaugliche Quartiere zu schaffen. Dem voran ging aber eine Machbarkeitsstudie von Kerbers Verein, um die Innovationen in der zweiten Phase zu ermöglichen. Da wird dann die neue Recyclingtechnologie angewandt, unter der Einbindung lokaler Unternehmen, mit der Akzeptanz durch die Flüchtlinge als Hauptakteure. Der Vorgang entspricht ganz einer professionellen Produktentwicklung. Ähnlich ging man bei den Prothesen für die Kriegsopfer vor. Im November 2014 testete More Than Shelters in einem dreimonatigen Pilotprojekt in Kooperation mit Handicap International Jordan die Produktion und Bereitstellung von Prothesen für fünf bis zehn Patienten. Mit ihrer Hilfe wird das Produkt ständig verbessert. Produziert wird mit einem 3-D-Drucker, somit kann sofort auf das Feedback reagiert werden. Open Source für die Bewohner: das Design, die Drucker und Trainingsmaterial sind offen zugänglich und öffentlich nutzbar. Ergebnis: Ständige Qualitätsverbesserungen der Prothesen hinsichtlich Funktionalität, Ästhetik, Gewicht, Umweltbelastung, Schnelligkeit und Innovation. Ein Prinzip, nach dem letztlich eine ganze Stadtentwicklung funktionieren kann, ob in einem Flüchtlingslager oder in einer etablierten europäischen Großstadt.

 

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