Digitale Revolution – und keiner geht hin

Alle sagen es, kaum einer tut es – die Rede ist von BIM – Building Information Modeling. Effizienz, keine Schnittstellenprobleme mehr, Kostenreduktion und eine bessere Ressourcenplanung sind die Stichworte, mit denen die BIM-Fans werben. Die heimische Bauwirtschaft ist interessiert – aber vorsichtig.

BIM beschreibt die optimierte Planung und Ausführung von Gebäuden mithilfe entsprechender Software – also quasi die Grundlage für das papierlose Planerbüro. BIM basiert auf einem intelli­genten ­digitalen Gebäudemodell, das allen Projektbeteiligten – vom Architekten und Bauherrn über den Haustechniker bis hin zum Facility Manager – ermöglicht, ­gemeinsam an diesem integralen Modell zu arbeiten und dieses zu realisieren. Juhuu, wieder eine geplante Revolution!

Nur Geplänkel

Für Peter Kompolschek ist die derzeitige Stimmung am Bau aber nur ein „Ge­plänkel“ – die tatsächliche Revolution komme erst: „Die Konzerne und größeren Baufirmen kommen an BIM nicht vorbei, denn die Bauindustrie erspart sich am meisten, sie können effizienter bauen und ein viel besseres Informationsgerüst nützen. Doch BIM bedeutet auch einen Neubeginn für die gesamte Branche. An der ETH Zürich gibt es bereits ein eigenes Institut ‚Robotics and intelligent systems‘. Warum? Weil in Zukunft ein Roboter einen großen Teil vom Hausbau erledigen wird.“ Architekt Kompolschek ist seit 2014 österreichischer Delegierter der European BIM Group und auch im Normungsinstitut engagiert in Sachen BIM. Elmar Hagmann, Bauunternehmen Sedlak, erklärt die noch vorherrschende Vorsicht beim Einsatz von BIM damit, dass ein gelernter Architekt nicht automatisch ein BIM-Modell aufbauen kann – denn er benötigt die Software dazu und ausgebildete BIM-Programmierer. „Wenn es meines Wissens zurzeit auch noch wenige Bauvorhaben gibt, die mithilfe von BIM abgewickelt werden, bin ich davon überzeugt, dass BIM ein großer Schritt in die richtige Richtung ist. BIM ermöglicht das Ende der ‚baubegleitenden Planung‘, das Ende der Verantwortungsüberantwortung der Planung auf den Ausführenden“, so Hagmann.

Das Ende falscher Pläne

Für Hagmann bedeutet dies das Ende des zweidimensionalen Denkens bei dreidimensionalen Problemen, das Ende falscher Pläne, das Ende der neuerlichen Bestandsaufnahme bei Umbauten und zugleich das Ende so mancher systemischer Defizite. Die Integration der Haus­technik-Gewerke sieht Hagmann unter den gleichen Gesichtspunkten allerdings noch kritisch, da noch wenige Haustechnik-­Planer BIM-affin sind. Hagmann blickt jedoch optimistisch in die Zukunft: „Das Baustellenteam kann in Echtzeit Dar­stellungen aus dem 3-D-Gebäudemodell in zweidimensionaler Form, also ähnlich einem konventionellen Plan, auf einem Tablet-PC einsehen. Damit ist der Plan immer aktuell – selbst dann, wenn noch kurzfristige Änderungen vorgenommen werden. Des Weiteren kann jede Art von Schnittführung durch das Modell gewählt werden, dies führt mit Sicherheit zu mehr Klarheit in der Darstellung von geo­metrisch schwierigen Bauteilen.“
Die Vorteile wie Effizienz, Kostenersparnis, Schnittstellenproblematik-­Minimierung etc. werden propagiert – gibt es bereits realistische Einschätzungen, wie hoch die Ersparnis bei BIM-Einsatz wirklich ist? „Nein, britische Büros sprechen von um die 30 Prozent Kosten­ersparnis, aber das hängt zum großen Teil von der Arbeitsweise des Büros ab. BIM hilft Menschen, die sehr strukturiert denken, auch gewisse Systematiken in einem Büro zu entwickeln. Wenn ich mit solchen Systematiken arbeite, erhöhe ich die Qualität, erreiche einen höheren Auto­matisierungsgrad und bin dadurch natürlich effizienter. Wenn ich eine Wand in ihrer Dreidimensionalität verbinde und mit ihren Material­eigenschaften befülle, kann der Computer Dinge berechnen, die ich am Papier so gar nicht mehr könnte. Das bedeutet, es entfallen sicher einige Nebenleistungen. Aber der große Profit durch BIM ist, dass die Planungsqualität höher wird. Ich be­komme die best­mögliche ­Qualität zu einem besseren Preis.“

Die TU Graz sucht zurzeit Kandidaten für die erste BIM-Professur.

In Österreich fehlt das Verständnis

Die Angst vor Versionen- oder Kompatibilitätsproblemen etc. wischt ­Kompolschek vom Tisch: „Wir haben eine gemeinsame Sprache, IFC, Industry ­Foundation Classes, in dieser Sprache können die größten Software-Pakete miteinander problemlos sprechen, heißt, Gebäudedaten austauschen.“ Aber woher dann die österreichische Zurückhaltung in puncto BIM? „Das Verständnis fehlt – das muss noch geschaffen werden. Das Wichtige ist das I, die Information. Ich modelliere Information. Ich reichere meine Planung mit Informationen an. Dafür gibt es eine gemeinsame Sprache, das ist ein europäisches Thema, dass es gemeinsame Standards mit regionalen Unterschieden gibt. Es geht dabei auch um Transparenz und um eine grenzübergreifende Dienstleistung.“ Die Brisanz des Themas wurde auch bereits auf universitärer Ebene erkannt – an der TU Graz läuft zurzeit eine Ausschreibung für die erste BIM-Professur. Und wie sieht es in der Praxis aus? Karlheinz Strauss, CEO der Porr, ist gerade dabei, ein wenig Papier loszuwerden, denn die Komplexität der Projekte zwingt zu digitalen Prozessen, ist Strauss überzeugt, er meint ebenso, dass an der digitalen Revolution kein Weg mehr vorbeiführt: „Wenn ich an eine Bau­stelle denke, sehe ich geschäftiges Treiben. Ich sehe Kräne und Menschen. Und das wird auch weiterhin so bleiben. Was sich verändert, sind die elektronischen Workflows dahinter. Tatsache ist, dass wir uns momentan jedes Jahr selber überholen. In zehn Jahren wird die ­digitale Baustelle ganz anders aussehen als heute. Wenn wir uns das jetzt überlegen, ­liegen wir sicher komplett falsch. Weil wir derzeit einfach noch nicht wissen, welche Möglichkeiten wir in zehn Jahren haben werden. Eins ist aber klar: Ein Investment in die Digitalisierung zahlt sich aus – und damit ein Investment in BIM.“
Porr setzt BIM seit 2011 ein, mittlerweile werden eine Vielzahl an Projekten mit BIM-gestützten Prozessen abgewickelt, wie zum Beispiel in der Seestadt Aspern, bei einem Teil des Styria Media Tower in Graz oder in Monte Laa: „Hier setzen wir bei zwei neuen Wohnhochhäusern BIM ein. Inzwischen hätten wir das Know-how und das Werkzeug, flächendeckend mit BIM zu arbeiten. Dafür ist aber ein umfassendes Umdenken bei allen am Prozess Beteiligten notwendig – so weit sind wir heute noch nicht“, erklärt Strauss. Er betont die bereits jetzt spürbaren positiven Auswirkungen wie Kostenein­sparungen, verbesserter Informationsfluss, kürzere Entscheidungsphasen, Fehler­minimierung. Konstantinos Kessoudis, Bereichsleiter BIM/5D, Strabag, arbeitet bereits auf Hochtouren an der papierlosen Baustelle und an verschiedenen Zukunfts­szenarien. So könnten elektronisch bestätigte Lieferscheine, Planausschnitte, Ausschnitte von anderen Unterlagen, die digital immer dabei sind, etwa auf dem Tablet, Leistungsmeldung, Mängelberichte etc. digital erfasst und weiterverarbeitet werden: „Die erforderliche Technologie ist vorhanden. Für das Bauwesen muss sie zum Teil robust gemacht werden, damit sie den Baustellenbedingungen standhält. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob dies eintreten wird, sondern nur mehr, wann es so weit sein wird.“

Definierte Datenaustauschketten

Sind Architekten schon ausreichend BIM-affin? Strauss: „Viele Architektur­büros legen ihren Schwerpunkt auf den kreativen Part, auf die künstlerische Leitung. Das hat nichts mit mangelnder BIM-Affinität zu tun. Unsere Erfahrung zeigt: Im Idealfall denken alle Partnerfirmen von der ersten Projektidee an im Building Information Modeling. Dazu sind ein offener Dialog, der kontinu­ierliche Austausch innerhalb der Teams und Transparenz notwendig – und natürlich strukturierte und standardisierte Arbeitsweisen.“ Kessoudis räumt ein, dass viele von BIM gehört haben, aber die wenigsten wenden es an: „Dies betrifft aber nicht nur die Architekten, sondern alle am Bau Beteiligten inklusive der Auftrag­geberschaft. Sobald die Auftraggeberschaft das ­Potenzial an Transparenz und Mehrwert von BIM erkennen wird, wird sie es fordern und damit BIM zum Durchbruch verhelfen.“
Bis zur digitalen Baueinreichung

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Eigentlich toll, wenn alle Gebäudedaten für Planung, Ausführung und Bewirtschaftung einheitlich sind und auf Knopfdruck visualisiert werden können. Warum dauert BIM in Österreich dann so lange?

Ein aktuelles Strabag-Projekt, BLOX/ ­Bryghus in Dänemark, ein sechsgeschossiges Multifunktionsgebäude am Kopenhagener Hafen, zeigt das gewaltige Einsparungspotenzial durch den Einsatz von BIM/5D. Die Strabag hat als General­unter­nehmer ein Bauwerksdaten­modell erstellt, das neben geometrischen Daten (sprich dem 3-D-Modell des Objekts) auch noch nicht-geometrische Daten wie etwa Materialien und den Ablaufplan beinhaltet. Auf Basis dieses Bauwerksdatenmodells können Kollisionen in den einzelnen Fachbereichen und Disziplinen schon vorab in der Simulation – also noch vor dem Bau – festgestellt und behoben werden. „Bei diesem sehr komplexen ­Objekt ­wurden zwischenzeitlich sogar über 30.000 Kollisionen ­festgestellt. Diese Zahl konnte inzwischen auf ca. 400 reduziert werden, sie konzentrieren sich jetzt nur noch auf die oberen Etagen. Bei diesem konkreten Projekt gehen wir jedenfalls von einem Hebelsatz von 6 : 1 aus; sprich für jeden Euro, den wir in die BIM/5D-Planung investiert haben, ergibt sich eine Ein­sparung von 6 Euro. In ca. 600 Projekten hat Strabag mittlerweile BIM/5D eingesetzt“, erklärt Kessoudis.
Matthias Nödl ist der BIM-Experte bei Vasko+Partner und betont die Vorteile: „Wir sind flexibel und können die anderen Gewerke in Echtzeit mit dem aktuellen Planungsstand versorgen. Die benötigten Grundrisse, Schnitte, Ansichten, Massen­ermittlung, Tür- und Fensterlisten etc. sind im Grunde nichts anderes als eine Datenbankabfrage. Auch ein 3-D-Rende­ring ist im Prinzip ein ‚Abfallprodukt‘ der BIM-Modellierung.“ Änderungen werden vollautomatisch übernommen und Pläne umgehend aktualisiert – das klappt auch für die Gebäudetechnik. Dadurch können mühelos Planungskontrollen durchgeführt werden. Kostenschätzungen anhand von Massenauswertungen und Raumbüchern sind dabei nur der Anfang. „Einige unserer Erkenntnisse wurden sogar in die neue BIM-Norm ÖN A 6241-2, welche seit 1. Juli 2015 gültig ist, übernommen“, so Nödl.

„für jeden investierten Euro ergibt sich eine Einsparung von 6 Euro.“
Konstantinos Kessoudis, Strabag

Digitale Baueinreichung verpflichtend

Planen und Bauen wird digital, davon ist Kompolschek überzeugt: „In 5 bis 10 ­Jahren ist die papierlose Baustelle durchaus realistisch. Technologien sind bereits so weit entwickelt – ein Baggerfahrer kann auf seinem Monitor sehen, wohin er gräbt etc. Ein Papierplan wird in der Tat zukünftig nicht mehr notwendig sein. Was aber sicher passieren wird, ist, dass schlecht qualifizierte Mitarbeiter einfach keine Chance mehr haben werden.“
Als Trend beschreibt Nödl die digitale Baueinreichung. Die skandinavischen oder auch asiatischen Länder sind hier Vorreiter. Alle öffentlichen Aufträge müssen in diesen Ländern mittlerweile als BIM-Projekte geplant und auch als IFC-Datei abgegeben werden. Die Zeitersparnis ist enorm. In Singapur dauert ein Bauverfahren beispielsweise im Schnitt 26 Tage – in Österreich 192 Tage.

 

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