Der Immobilienbranche fehlt es an Wissen

Als Unternehmer lebt Chris H. Leeb von Innovationen. Im Interview erklärt er, was die österreichische Immobilienbranche verschläft. Immobilien, die sich automatisch bei potenziellen Interessenten melden, könnten schon bald einen ganzen Wirtschaftszweig überflüssig machen.

Chris H. Leeb

Wie kommt es zur Innovation?

Chris H. Leeb: Ich unterscheide gerne zwischen einer inkrementellen Innovation, bei der Verbesserungen und Anpassungen erfolgen, und einer disruptiven ­Innovation, bei der nicht nur Inhalte in ­bestehenden Strukturen, sondern die Strukturen selbst verändert werden. Diese disruptiven Innovationen werden anfangs von den meisten Menschen nicht verstanden und von bestehenden Strukturen auch vehement bekämpft; sie kommen aber immer rascher und globaler und quasi aus dem Nichts: von dort, wo klassisch nicht hingesehen wird. Beispiele gibt es zur Genüge: Während die weltweite Automobilindustrie nicht gesehen hat, wie Google selbstfahrende oder Tesla Akku-Autos baut, und erst allmählich aufholt, werden mittlerweile Autos von Local Motors 3D gedruckt und ist Tesla dabei, den Energiesektor anzugreifen. Solche Beispiele gibt es mittlerweile in fast allen Branchen. Innovationen entstehen dort, wo Menschen aus unterschiedlichen Strukturen, Kulturen, Strömungen zusammentreffen, wo eine Kultur des Scheiterns herrscht, wo Menschen ermutigt werden, einfach zu tun und in ihrem Tun unterstützt werden und wo eine Risikobereitschaft, insbesondere auch hinsichtlich Kapitalbereitstellung, vorhanden ist. Innovation entsteht dort, wo Bildung praxisorientiert, themenübergreifend und projektorientiert organisiert wird. Damit ist auch klar, dass dies nicht in Österreich ist.

Und wie schätzen Sie die österreichische Immobilienbranche ein?

Chris H. Leeb: Aus meiner Sicht ist der Immobilienmarkt von der Struktur her sehr klassisch unterwegs. Wir sehen aber in allen Branchen, dass diejenigen, die keinen Wertbeitrag im Business leisten, vom Markt verschwinden. Wenn also zwischen Angebot und Nachfrage von Immobilien – egal ob im Privatbereich oder im Businessbereich, egal ob Kauf oder Miete – andere, bessere Lösungen etabliert werden, sind Makler unnötig. Der Immobilienmarkt könnte ähnlich wie Tinder oder andere Matching-Apps organisiert werden. All diejenigen, die intransparent, umständlich, teuer sind oder sogar falsche Informationen bereitstellen, werden vom Markt verschwinden.

Da müssen aber alle auch die neuen Techniken verwenden …

Chris H. Leeb: Richtig, solange aber An­bieter und Nachfrager nicht Internet-affin sind, wird sich im bestehenden System wenig ändern. Im Gegenteil, es scheint so, als hätte die generelle technologische Entwicklung keinen entscheidenden Einfluss auf die Immobilienbranche. Man kann natürlich diskutieren, ob ein Makler einen Facebook-Auftritt braucht oder nicht. Darum geht es mir aber überhaupt nicht. Ich behaupte, dass, wenn die Next Generation in der Lage ist, Immobilien zu erwerben oder zu mieten, dies selbstverständlich mit den technischen Möglichkeiten machen will und nicht über Zeitungsannoncen (Jugendliche lesen keine Zeitungen mehr). Auch wird man sie nicht mit Radio- oder TV-Spots erreichen können: Sie streamen Musik von Soundcloud und schauen YouTube, aber verwenden sicher kein Radio und kein Fernsehen. Warum auch? Warum soll man etwas hören oder sehen zu einer Zeit, die man nicht selbst bestimmt, von jemandem ausgesucht, den man nicht kennt und mit dem man auch nicht ­vernetzt ist? Wenn man Jugendliche frägt, wann sie eine Bank mit ihren Experten wirklich braucht oder ob sie Geräte in Elektronikmärkten kauft, dann erfährt man, dass sie Apps verwenden, Meinungen im Internet austauschen und Bestellungen und Überweisungen online tätigen. Warum? Weil es einfacher, sicherer und besser geht. Ich nenne das den Truthahn-Effekt: Dem Truthahn geht es immer gut, bis er am Thanksgiving Day geschlachtet wird. Dieses Ereignis ist aus Sicht des Truthahns überhaupt nicht vorhersehbar, im Gegenteil: Einen Tag vor seinem Tod geht es ihm besonders gut! Man denke nur an Firmen-Truthähne wie Nokia oder Kodak. Sie haben viele Zeichen nicht erkannt, falsch interpretiert und sogar aus einer Position des scheinbar Unbesiegbaren überheblich reagiert.

Wie könnte es in 15 Jahren aussehen?

Chris H. Leeb: Natürlich sind Prognosen nicht einfach. Wenn ich mir aber die derzeitigen Trends ansehe, so sehe ich Folgendes: Es wird noch personalisierter, kontextabhängiger, sozialer und ortsabhängiger als bisher und es werden ­Menschen und Dinge immer im Netz sein. Wir werden nicht nur vom social graph reden, sondern vom thing graph, interest graph, transaction graph usw. (Ein Graph ist ein Netzwerk.) Ein Szenario könnte also sein, dass Immobilien ihre Historie selbst kennen, die Umgebung und damit auch mit ihren Peers ihren Wert einschätzen, und dass sie sich automatisch bei den Menschen melden, die zu ihnen am besten passen würden. Es ist vorstellbar, dass sie selbst Reparaturaufträge vergeben und damit für die Immobiliengesundheit vorsorgen. Parallel zu einer Besichtigung vor Ort könnten virtuelle kommen in Form von 3-D-Flügen oder Hologrammen. Dies wird zwar noch etwas brauchen, aber keine 15 Jahre mehr! Vielleicht wäre auch heute schon ein Immobilienanbieter erfolgreicher, wenn er seine Immobilien twittern ließe. Es macht halt nur keiner. Nur dann, wenn andere kommen, wird es zu spät sein. Dann nutzt auch die Erkenntnis, ein Truthahn zu sein, nichts mehr.

 

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