Jung kauft alt

Hiddenhausen zahlt Bargeld an junge Leute, wenn sie ein altes Haus im Ort kaufen. Das Konzept funktioniert, wie die Zuzugszahlen zeigen. Die Gemeinde erspart sich künftig Infrastrukturkosten der Zersiedelung.

Die Einwohner wurden älter, und immer mehr Häuser standen leer: Hiddenhausen ging es 2004 wie vielen anderen Kommunen. Doch der Ort in Nordrhein-West­falen reagierte nicht wie viele andere, die neue Baugebiete ausweisen und damit neue Menschen anlocken wollen, aber am Leerstand nichts ändern. Stattdessen kamen Politiker und Verwaltungsleute auf die Idee, neue Menschen in die leeren Häuser zu locken. „Jung kauft Alt“ nennt sich das Programm, das 2007 startete. Wer seitdem in Hiddenhausen ein altes Haus kauft und dort einzieht, bekommt bis zu 9.000 Euro von der Stadt; am meisten erhalten diejenigen mit ­Kindern. ­Zusätzlich bis zu 1.500 Euro bekommen die möglichen Hauskäufer für ein Gut­achten zum Bauzustand.

Inzwischen förderte der Ort den Kauf von 340 Häusern, meistens an ­Familien mit Kindern oder an junge Paare. Vielleicht noch wichtiger als das Geld ist dabei der psychologische Effekt, wie Barbara Cepielik in einer Reportage im Kölner Stadt-Anzeiger beschreibt: ­Familien mit Kindern fühlen sich willkommen; und wer erwägt, in ein altes Haus zu ziehen, den beruhigt ein Gutachten, um nötige Reparaturen abzuschätzen. Etwa vier Fünftel derjenigen, die ein Haus begutachten lassen, ziehen dann auch ein, schätzt Simone Schürstedt vom örtlichen Amt für Gemeindeentwicklung. Dessen Amtsleiter Andreas Homburg entwickelte mit anderen das Konzept „Jung kauft Alt“ und sagt, dass seit einigen Jahren mehr Menschen zuziehen als wegziehen – der Trend ist gedreht, und es werden wieder mehr Kinder im Kindergartenalter; in den letzten Jahren eröffneten zwei neue Kitas. Hiddenhausen zieht nun Hauskäufer aus seinem Umland an, denn nur knapp die Hälfte von ihnen kommt direkt aus dem Ort, ebenso viele aus dem ganzen Kreis Herford, und jeder zehnte sogar von weiter weg.

Zersiedelung würde viel kosten

Freilich kostet das Programm Geld, pro Jahr sind es inzwischen 270.000 Euro. Aber langfristig wird es sich sogar rechnen, sagt Andreas Homburg, und das ist keine Floskel, sondern er verweist auf eine Studienarbeit, die die Folge­kosten für Hiddenhausen untersuchte: Für ungehemmte Zersiedelung müsste die Gemeinde in einigen Jahrzehnten die Folgen zahlen, indem sie das dann nach außen gewachsene Gemeindegebiet mit seinen Straßen, Kanälen und Leitungen in Schuss halten müsste. So aber wächst die Gemeinde nach innen und holt sich neue Einwohner in bestehende Häuser. Dieses Beispiel beweist anhand eines konkreten Ortes, was Raumplaner wie Stefan Siedentop in größerem Rahmen untersuchten: Zersiedelung kostet Geld, und kompakte Orte sind effizienter. Diese Vorteile sehen auch andere Städte: Mindestens ­fünfzig deutsche Gemeinden fördern schon nach der Idee von „Jung kauft Alt“, sagt Andreas Homburg, und das Programm erhielt mehrere Preise. Der schönste Lohn ist aber wohl, dass die Häuser nicht verfallen und zu Bruchbuden werden, ­sondern neue Bewohner sie beleben.

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