Immo 2.0 – Der Weg zur Immokratie

Gernot Singer

Manchmal kann man den Eindruck ge­winnen, dass sich Teile der Immobilienbranche mehr mit sich selbst beschäftigen als mit ihren ­Kunden. Und mit denen auch nur eher unliebsam in Kontakt treten. Man stelle sich etwa eine Online-Partnerbörse vor, die vor der Registrierung umfassend zum Thema „Scheidung“ aufklärt. Oder ein Autohaus, wo man beim Betreten unterfertigen muss, alle Risiken des Straßenverkehrs zu kennen.
Klingt merkwürdig, oder?

Bei Immobilien passiert genau das, wenn man als Interessent zwangsläufig mehr Zeit mit dem Thema „Rücktrittsrecht“ verbringt als mit den eigentlichen Objektdaten. In allen anderen Branchen werden Kunden zum Kauf verführt, bei Immobilien werden sie eher verunsichert. Und es gibt auch wohl kaum einen ­anderen Wirtschaftszweig, in dem die ­wichtigste Produkteigenschaft in der Vermarktung oft bewusst zurückgehalten wird: die Lage.

Der Übergang von Print auf Online war wohl die einzige große Innovation der letzten zwei Jahrzehnte, später kamen Meta-Such­maschinen und mobile Apps dazu, heute wird von Privatpersonen teilweise schon mehr in Facebook-Gruppen inseriert als auf traditionellen Portalen. All dies sind ­Gründe, warum der Immobilienmarkt – genauer gesagt jener der Vermarktung und Vermittlung – nach Meinung vieler überfällig für das ist, was man im Start-up-Jargon „Disruption“ nennt: eine grund­legende Änderung des Geschäftsmodells, der Verwertungskette, der Kundenbeziehung etc. Dabei werden bestehende Strukturen von neuen Marktteilnehmern radikal hinterfragt und aufgebrochen, Bis­heriges ohne jegliche Vorlasten grundlegend neu gedacht. Bekannte Beispiele dafür sind der Übergang von Brief und Fax zu E-Mail, von analoger zu ­digitaler Foto­grafie, von der Kutsche zum Auto. Zwei ­Faktoren können in diesem Prozess als Beschleuniger dienen: 1. eine Technologie-Komponente – siehe MP3 in der Musik­industrie – und 2. Änderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen wie aktuell durch das Bestellerprinzip in Deutschland. Dort geben Seiten wie smmove.de, mietercasting.de, oder faceyourbase.com einen Ausblick auf die Realitäten der kommenden Jahre. Solche funda­mentalen Veränderungen und Verschiebungen bringen zahlreiche Chancen und Risiken mit sich, sind nicht wirklich schmerzfrei und können bis hin zum gesellschaftlichen Wandel führen, ­speziell wenn neue, gut finanzierte inter­nationale Player alte Märkte aufzumischen beginnen wie zum Beispiel Uber bei Taxis.

Auch auf der Anfang Mai in Berlin stattfindenden Konferenz der ICMA (International ­Classified Media Association) wurde von einem grundlegenden Wandel bei Kleinanzeigen gesprochen. Weg von einer „Schalte Anzeige, warte auf Rücklauf“-Mentalität, hin zu einer allumfassenden Lösung für die darunter­liegende, grundlegende Problemstellung. Auf Immobilien umgelegt könnte man aus diesem Hintergrund Online-Portale andenken, die es ermöglichen, die persön­liche Wohnsituation umfassend zu verwalten, auf denen man den Status der aktuellen Lage sieht – zum Beispiel die Wertentwicklung der Eigentums­wohnung oder den eigenen Mietzins vs. die Preise im Umfeld – oder man proaktiv andere Wohnmöglichkeiten vorgeschlagen bekommt, der Nachmieter automatisch gesucht wird, ­Wohnungen passend zum eigenen Möbel-Inventar vorgeschlagen ­werden etc., um nur einige Beispiele zu nennen. Ganz generell: Warum nicht ­direkter, digitaler kommunizieren? Warum nicht ­Effizienz und Transparenz steigern?

Denken wir gemeinsam neu, verlassen wir ­unsere Komfortzone und begegnen dem ­Wandel mit positiver Grundeinstellung. Be­zogen auf eines der obigen Beispiele: Gehen wir den Weg von Canon, nicht den von Kodak.

Über den Autor
Gernot Singer ist Gründer und ­Geschäftsführer von immosuchmaschine.at

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