Leistbares Arbeiten

Von Sandra Hochleitner

Immer und überall: Der Dauerbrenner „leistbares Wohnen“ verfolgt mich. Aber hat sich schon mal jemand darüber Gedanken gemacht, wo und was jene Leute arbeiten werden, die besagte Wohnflächen erwerben bzw. mieten sollen? Es wäre ausgesprochen wichtig, dass sich die Diskussion nicht nur um die Wohnkomponente, sondern auch um das leistbare Arbeiten dreht – schließlich müssen die „leistbaren“ Wohnungen auch bezahlt werden. Betrachtet man die Arbeitslosenrate in Österreich – die mit aktuell 5,3 Prozent im europäischen Vergleich zwar niedrig ist, aber zwischen 2013 und 2014 in Österreich gesamt um 9 Prozent, in Wien sogar um 15,6 Prozent gestiegen ist – und das Wirtschaftswachstum, das 2014 quasi nicht vorhanden war, müsste doch Feuer am Dach sein.

Demzufolge ist es auch nicht verwunderlich, dass der Büromarkt in den vergangenen Jahren nicht die beste Performance zeigte. Wie man am Markt hört und den jüngsten Marktberichten entnehmen kann, ist die Vermietungsleistung an Büroflächen in Wien im letzten Jahr bemerkenswert zurückgegangen. Dennoch: Die großen Maklerunternehmen bleiben für 2015 optimistisch und prognostizieren eine steigende Vermietungsleistung, leicht steigende Spitzenrenditen, und auch die Neuflächenproduktion soll wieder steigen. Ob der Optimismus, der sich durch diese Aussagen am Markt breitzumachen scheint, gerechtfertigt ist, wird sich erst zeigen. Ich ­stehe dem – wie viele meiner Gesprächs­partner – etwas skeptischer gegenüber. Sehen wir mal von den bereits vorvermieteten oder zum Teil zur Eigen­nutzung errichteten ­Flächen ab, wer ­sollte denn die neu errichteten Flächen mieten? Unternehmen wandern doch eher aus Wien ab als zu, Zuzüge von inter­nationalen (Groß-)Unternehmen gab es schon länger nicht mehr, und auch die Umsiedlungen von großen Anwalts- und Steuerberatungs­kanzleien werden ihr Ende finden. Glaubt man den erwähnten Marktberichten,­ ­werden außer­dem die Büromieten 2015 weiter steigen – mit welcher Begründung eigentlich? Weil die Nachfrage so hoch ist?

Ob sich Start-ups oder junge Unternehmen die steigenden Mietpreise leisten können, sei dahingestellt. Danach fragt auch niemand. Und dass unabhängig vom Preis überhaupt moderne Büroflächen für diese Unternehmen zur Verfügung stehen, ist auch nicht gesagt. Einzelunternehmen und Kleinunternehmen beispielsweise, die nur wenige Mitarbeiter, oft nur ein oder zwei, haben, suchen keine Bürofläche ab 500 Quadratmeter oder wollen sich auch nicht zwingend Infrastruktur mit anderen Unternehmen teilen, wie es in Serviced Office Spaces angeboten wird. Ich würde weder den Drucker noch die Teeküche noch den Empfang bereitgestellt brauchen, sondern nur eine moderne Bürofläche – mit 80 bis 100 Quadratmeter, Empfangsbereich und 1 bis 2 Räumen, WC, Teeküche – zu einem leistbaren Mietpreis. Das wäre wünschenswert und meiner Einschätzung nach auch zunehmend gefragt. Aber wie sehen das die Errichter? Wie viele Büroobjekte mit kleinteiligen Mietflächen gibt es? Mir wurde kürzlich von einem Projekt erzählt – ein Büro­turm in Frankfurt –, das vielleicht in diese Richtung gehen könnte. Wie klein dort jedoch die mietbaren Einheiten sind und ob diese Flächen im Turm für Kleinunternehmen oder EPUs leistbar sind, ist die Frage.

Punktum: Ich würde mir ein Umdenken wünschen; seitens der Politik – nicht nur an Wohnen (und die nächste Wahl) zu denken, sondern auch daran, für die zuziehenden Menschen Arbeitsplätze und für Unternehmen Anreize zu schaffen; seitens der Anbieter von Büroflächen – die gesamt­wirtschaftliche Entwicklung, aktuelle Unternehmens­konzepte und die Bedürfnisse von Start-ups und Kleinunternehmen in ihren Projekten zu ­berücksichtigen.

Über die Autorin
Ing. Sandra Hochleitner, MSc, Inhaberin der RESH Advisory e. U., ist Immobilien­sachverständige und berät Unternehmen bei ihren strategischen Immobilien-­Entscheidungen. www.resh.at

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