Vom Kofferträger zum Investor

Ahmed Siyam Mohamed ist Immobilienentwickler. Er hat als erster Einheimischer auf den Malediven ein 5-Stern-Resort errichtet und betreibt es. Was er in dem Traum­hotel anders macht und warum er eine eigene Partei gegründet hat, verrät er der IMMOBILIENWIRTSCHAFT.

Hurra, es geht um die Malediven. Zugegeben, über Märchen liest man immer ­gerne. Aber lassen wir die perfekten Staubzuckerstrände, die Palmen, die Mangos und das ­türkise Bade­wasser mal weg. Das sind ja Klischees. Die Inseln im indischen Ozean haben außer der idyllischen Landschaft kaum ­etwas. ­Wirtschaftlich ausgedrückt: Über 30 Prozent des BIP kommen aus dem Tourismus, die Fischerei wäre dann noch nennens­wert. Während die rund 100 Resorts mit ihren vier und fünf Sternen glitzern und tatsächlich kaum einen Wunsch des ­zahlenden Gastes offen lassen, sind die ­Inseln der Einheimischen, naja, so wie halt Entwicklungs­länder aussehen. Sie sind klein und bieten wenig, aber was soll man mit 1,17 US-Dollar pro Tag (42 Prozent der Malediver müssen damit auskommen) auch schon anfangen?

Firmengründung mit 900 US-Dollar

Ahmed Siyam Mohamed ist auf so einem Eiland im Atoll mit dem Namen Noonu geboren. Er verdiente seinen Unterhalt mit den Devisenbringern. Kofferträger, Lagerarbeiter, Rezeptionist. Später dann Buchhalter, und im Vellassaru Tourist Resort war es sogar für PR zuständig. Er lernte das Hotelgeschäft von der Pike auf. Dann der Clou. „Mit 900 US-Dollar habe ich das Reisebüro Sun ­Travels ­gegründet“, erzählt er. Damals war er 19. Es war die Zeit, als die Malediven zur Luxus­adresse des inter­nationalen Reichtums aufstiegen, und Siyam schnitt kräftig mit. „Heute ist Sun Travel eines der erfolgreichsten Reise­büros auf den Malediven, 75 Prozent aller Luxushotels haben wir im Portfolio.“ Unter anderem schickt das Reise­büro die Kunden auf das erste eigene Projekt Siyams. Das Geschäft lief nämlich so gut, dass er 1997 die Insel Vilu Reef vom Staat für 50 Jahre pachtete und darauf ein 4-Sterne-Resort entwickelte. Im Frühjahr 2014 hat Siyam das Hotel an Araber verkauft. Warum? Der Preis habe gestimmt, heißt es aus seinem Umfeld. Siyams Aufmerksamkeit galt aber ohne­hin schon seit Langem dem Iru Fushi in seinem Heimatatoll, seinem ­ersten 5-Sterne-Resort. Es ist mit 220 Villen das größte Resort auf den ­Malediven. Und die erste 5-Sterne-­Adresse, die nicht von einer internationalen Hotelkette auf­gezogen wurde.

Malediven_Slider1
Malediven_Slider2
Malediven_Slider3
Malediven_Slider4
Malediven_Slider5
Über das Resort

Angestellte von der Nachbarinsel

Klar, auch Siyam geht es um Gewinn. Aber er will mehr, sagt er: „Ich möchte meine Landsleute involvieren und ihnen Chancen bieten. Ich bin in unserer Kultur verwurzelt, und dazu gehört auch die Familie. Wir stellen daher zum Beispiel Menschen aus den Nachbarinseln ein.“ Abends um sechs, wenn die Tagesarbeit getan ist, bringt ein Shuttleboot die Arbeiter auf die eine halbe Stunde entfernte Insel Holhudhoo zurück. 2.000 Menschen leben hier auf 700 mal 400 Meter Land. Hier ist auch Rushdi aufgewachsen und, so gut es ging, in die Schule gegangen. Während der Regenzeit war das nicht immer möglich, denn die Insel hat ihren tiefsten Punkt in der Mitte. „Dort ­sammelt sich das Wasser und die erdigen Straßen sind unpassierbar. Dann ist schulfrei“, erzählt der 26-jährige Rushdi. Der ­Millionär Siyam baute den Insel­bewohnern eine neue Schule, dorthin, wo kein Wasser die Kinder vom Lernen abhält. Auch kleine Reparaturen im Ort übernimmt der Geschäftsmann. Dass der Fußballplatz eine neue Lichtanlage hat, freut Rushdi besonders, trifft er hier doch abends seine Freunde. Einmal in der Woche gibt es für die Gäste des Iru Fushi Resorts diese Ausflugsmöglichkeit auf Holhudhoo, um das Leben der Ein­heimischen kennenzulernen. Rushdi, der seit sechs Jahren im Hotel als Recreation Host arbeitet, führt die Gäste über die Insel und präsentiert ihnen stolz sein Heimathaus. Hier wohnen sein Bruder und sein Schwager, beide sind ebenso im Resort angestellt – so wie 100 andere Insel-­Be­wohner auch. Sein Bruder Shihad arbeitet in einem Restaurant, er macht gerade eine Wein-Ausbildung.

Die Hälfte der Gäste sind Familien

Man bezahle die Mitarbeiter ein wenig besser als in anderen Resorts, erklärt Abdulla Thamheed, der General Manager von Iru Fushi. Jedenfalls bediene man sich nicht der billigen Arbeitskräfte aus Bangladesch. Von den 650 Mitarbeitern kämen 70 Prozent von den Malediven. 40 studieren nebenbei, für das Training der Servicekräfte arbeitet das Resort mit der South Africa Butler Academy zusammen. „Die Insel hat einen direkten Einfluss auf das Wohlergehen des Atolls“, rührt der General Manager gerade die Werbetrommel, als sein Sohn plötzlich am Tisch steht und fragt, ob er Zeit hat. Abgewiesen, aber nicht unzufrieden zieht dieser wieder von dannen, und Thamheed fällt das Thema Familie ein. „Wir sind das wahrscheinlich familienfreundlichste Resort auf den Malediven. 50 Prozent unserer Gäste kommen mit Kindern.“ In der Tat wartet die Insel mit zahlreichen Annehmlichkeiten für die Kleinen auf: ein bestens ausgestatteter Kinderclub mit Betreuung und Babypool, im zentralen Restaurant gibt es eigene Kindertische und Spielgelegenheiten und das Beste: „Unter 12 Jahren wohnen und essen Kinder bei uns gratis“, strahlt der 33-jährige Thamheed, der aus dem Süden der Malediven stammt, dort als Kellner begann und seit 2002 für Sun Siyam arbeitet.

Eigene Insel für Gemüse und Obst

Nachhaltigkeit muss also nicht immer mit Solarpanelen und Kraft-Wärme-Kopplungen zu tun haben. Erfrischend in der schwülen Tropenhitze ist, dass Siyam kein einziges Mal das Wort Nachhaltigkeit verwendet. Vielleicht wird sie auf Inseln, die einerseits ohnehin bedroht sind überflutet zu werden und deren Versorgungsmöglichkeit andererseits massiv beschränkt ist, zur Selbstverständlichkeit. Wer über schlechte logistische Anbindungen verfügt, trennt den Müll automatisch und verwendet den Grünabfall als Kompost. Zum Beispiel auf einer anderen Insel, die Siyam gekauft hat, um dort zumindest jene Gemüse- und Obst­sorten anzubauen, die in dem Klima wachsen – in Bioqualität. Klingt fast alles zu schön, um wahr zu sein. Das Gute daran ist, auch wenn es sich bloß um Marketing handelt, der ­Effekt bleibt. Ja, die Geschichte von Ahmed Siyam Mohamed hat ­etwas Märchen­haftes. Wie die Idylle der ­Malediven bedient sie ein Klischee, möchte man meinen. Dabei vergisst man, dass nicht die Palmen­inseln einem Klischee nacheifern, sondern sie es erst sind, ­weshalb solche Klischees ent­standen sind. Ob Business- oder Gutmensch, ein Original ist Ahmed Siyam Mohamed jedenfalls.

Ahmed Siyam Mohamed im Interview

[feather_share] Nach Oben | zurück