Architektur unter Zugzwang

Die Anforderungen in puncto Ökologie und Nachhaltigkeit steigen – parallel dazu auch die Ansprüche, was Architektur leisten können muss. Was sie kann, wenn sie will und darf, zeigt das weltweit erste Passiv-Bürohaus, das RHW.2. Eine Art Interview.

Nachhaltigkeit, Ökologie – das sind doch eigentlich selbstverständliche Stichworte für Architekten, oder? Architekt Dieter Hayde zeigt sich erstaunt: „Ja natürlich! Doch spielen eine Vielzahl an Faktoren, die zum Gelingen eines Projekts bei­tragen, eine Rolle. Dazu zählt in erster Linie die Bestellqualität der Bauherren – denn teilweise ist es schwierig, die Bauherren von Ökologie zu überzeugen, sodass diese auch in der Architektur eingebracht werden kann.“

Passivhaus war gar nicht geplant

Beim RHW.2 wusste der Bauherr idealerweise bereits genau, was er wollte. „Der Ausgangspunkt war ein Niedrig­energiehaus – dass es nun ein Passivhaus wurde und noch dazu das weltweit erste Passiv-Bürohochhaus, ist letztlich aufgrund der guten Zusammenarbeit mit Architekt Maurer als auch der Kompetenz von Vasko+Partner als Generalkonsulent gelungen“, erklärt Hayde. „Wir ­haben standortbezogen alle Gegebenheiten ausgenutzt – von der Abwärme des Rechen­zentrums des Nachbargebäudes bis zur Kühlung mittels Donaukanalwasser, wir installierten ein Blockkraftheizwerk, Geothermie, Solarenergie als auch eine Bauteilaktivierung“, so Hayde. Der Einfluss der Gebäudetechnik auf die Architektur ist gewaltig und muss im Einklang mit dem Planer passieren. Die Planung für das Hochhaus, ein Zubau an das bestehende Raiffeisen-Haus am Wiener Donaukanal, stammt von den Architekten Hayde und Maurer. Vasko+Partner erarbeitete gemeinsam mit den Architekten die ökologische Grundidee. Plakativstes Ergebnis der Kooperation: Der Zubau ist als Passivhaus (für Nicht-Wohnnutzung) und auf nationaler Ebene nach klima:aktiv und TQB (ÖGNB) zertifiziert.

Architekt als Gebäudetechniker

Bei all den Zertifizierungen, technischen Raffinessen und Möglichkeiten scheint es, dass der Architekt schon ein Gebäude­techniker sein muss. „Nein, aber das Verständnis für Gebäudetechnik braucht ein Architekt. Der Zugang zu ­einem Projekt führt nach wie vor über die städtebauliche Situation, das Umfeld und den Freiraum – nur muss man sich frühzeitig überlegen, wohin die Reise geht. Fragen nach der Stärke der Außen­wand, wie viel Nutzfläche gebraucht wird etc. müssen frühzeitig geklärt werden. Planungssicherheit ist heute im Vergleich zu früher zum ehestmöglichen Zeitpunkt verlangt, der Bauherr will ­keine Überraschungen, will von Anbeginn wissen, was auf ihn zukommt.“
Der formale Zugang zu einem Projekt sei der gleiche wie bisher, erklärt Hayde – aber natürlich, räumt er ein, „eine integrale Planung ist vom ersten Gedanken an selbstverständlich. Dann ziehen wir sofort den Sonderfachmann bei – wir müssen ja auch sehr frühzeitig zu Kostensicherheit kommen.“ Im Büro Hayde gibt es keine Gebäudetechniker – er hält von dieser Verschmelzung der beiden Berufe auch nichts. „Wir sind ein Architekturbüro, das ist unsere Kernkompetenz, in unserem Auftrag werden bei jedem Projekt Sonderfachleute herangezogen“, betont Hayde und verleiht seiner Ablehnung gegenüber der gelebten Praxis, dass Architekturbüros in allen angrenzenden Bereichen unterwegs sind, Gewicht.

Nicht alles ist nachvollziehbar

Die Ansprüche an Ökologie haben das Berufsbild verändert. „Architektur ist viel komplexer geworden. Früher nahm ich einen Stift und brachte eine Skizze zu Papier. Dann folgte – sagte man damals – die ‚aufbauende‘ Planung. Heute fragt der Auftraggeber bereits beim Vorentwurf detailliert nach den Kosten. Die Grundlage jeder Planung ist aber weiterhin die formale Gestaltung. Die Flut an Richt­linien und Gesetzen hat die Planung jedoch massiv verkompliziert und den Aufwand erhöht – das Thema Ökologie ist mit einer Riesenbandbreite an Auflagen gespickt.“ Mit dem Anspruch an Ökologie stiegen auch die Auflagen für Planungen: „Ja, aber das ist die Schuld des Gesetzgebers, OIB-Richtlinien, Brandschutz etc. – natürlich ist heute alles viel aufwendiger. Warum braucht man z. B. bei einem Passiv­haus einen Notkamin? Oder die übertriebenen statischen Anforderungen, die sind bei vielen Projekten nicht nachvollziehbar“, macht Hayde seinem Ärger Luft. Er ist davon überzeugt, dass das Zeitalter der Architekten, die einen Entwurf einfach hinwerfen und andere mühen sich dann mit der detaillierten Planung ab, definitiv vorbei ist. Auch diese Kollegen müssen eine integrale Planung abliefern, sonst werden sie den Auftrag nicht erfüllen können.
„Die Möglichkeiten durch die EDV haben die Architektur maßgeblich verändert – viele junge Kollegen ­machen jeden Strich am PC. Das hat viele Vorteile, z. B. mehr Effizienz oder auch die Stimmigkeit innerhalb aller Planer und Konsulenten. Die ­Sicherheit für alle Beteiligten hat sich erhöht – egal ob in puncto Ausschreibung oder Massenermittlung. Aber: Es ist nicht mehr so lustig wie früher. Es wird jetzt eher sehr formal geplant, das haptische Gefühl eines Planes gibt es nicht mehr. Die Jungen arbeiten fast ausschließlich mit Plattformen, da wird ausgetauscht, korrigiert, unzählige Änderungen vorgenommen, überprüft, wer aller bereits zugegriffen hat usw.“ Bleibt die Kreativität auf der Strecke? „Naja, den ersten Entwurf zeichne ich immer noch mit dem Bleistift … und bei aller Effizienzsteigerung: Unsere Häuser sind früher ohne CAD auch fertig geworden“, lacht Hayde.

„Die Flut an Richtlinien und Gesetzen hat die Planung massiv verkompliziert und den Aufwand erhöht.“
Dieter Hayde, Architekt

Detailwissen fehlt

Die neuen Anforderungen an Architekten bedingen auch ein Umdenken bei der Ausbildung, ist Hayde überzeugt: „Ich würde die Ausbildung in zwei Teilen sehen, die reine Ausbildung mit ausführlicher Praxis und die künstlerische Bildung. Denn viele der Universitätsabsolventen kennen kaum Details. Das ist ein enormer Aufwand für ein Büro, bis der Nachwuchs einmal überhaupt einen Einreichplan zeichnen kann.“ Wie sieht denn die ideale Planung aus? „Der Architekt muss ein ­perfektes Team mit dem Auftraggeber bilden, das Verständnis zwischen den beiden muss funktionieren, im Idealfall stimmt einfach die Chemie. Der Weg muss gemeinsam definiert werden.“ Das spricht aber eigentlich gegen Wettbewerbe? „Ja, das ist das Problem. Deshalb scheuen auch viele Auftraggeber Wettbewerbe, da diese dann ja häufig einen Architekten bekommen, mit dem sie sich gar nicht verstehen und dieser dadurch auch seine Vorstellungen nicht oder nur sehr mühsam erfüllen kann.“
Klarstellung der Funktionen, ein gutes Team, das gemeinsam zusammengestellt wird, auch mit den Sonderfachleuten muss es gut klappen – das ist das Geheimrezept von Dieter Hayde. Und wenn das befolgt wird, findet Ökologie und Nachhaltigkeit Platz.

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