Urbani­sierung und Stadtent­wicklung in CEE

Während in Westeuropa eine starke Urbanisierung zu beobachten ist, bilden sich in vielen CEE-Städten Speckgürtel. In diesem Gastkommentar analysiert Wolfgang Amann (Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen) die Trends der Stadtentwicklung, wo sich Firmen ansiedeln und wo gewohnt wird sowie die Unterschiede zwischen Ost und West.

Verstädterung ist ein weltweites Phänomen. Im weltweiten Durchschnitt leben heute 51 Prozent der Bevölkerung in Städten. Die Europäische Union hat einen Urbanisierungsgrad von 73 Prozent, für 2050 sind sogar 84 Prozent prognostiziert und einzelne Regionen liegen schon heute bei über 90 Prozent. Auch in Österreich leben mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Städten. Interessant ist, dass Mittel-Ost- und Südost­europa diesen Urbanisierungstrend nicht einheitlich mitmachen. Da gibt es ein differenziertes Bild: Russland etwa hat einen Urbanisierungsgrad ähnlich der EU von über 70 Prozent, ebenso die hoch industrialisierten mittel-ost-europäischen Staaten wie Tschechien, aber auch Bulgarien. Mehrere andere Länder der Region liegen – ähnlich Österreich – bei 60 bis 70 Prozent, etwa Ungarn oder Polen, ein großer Teil der südosteuro­päischen Länder liegt demgemäß mit 50 bis 60 Prozent näher beim Weltdurchschnitt, etwa Serbien, Rumänien oder die meisten Kaukasus-Staaten.

Die Verstädterung hat unterschiedliche Ursachen. Es gibt sogenannte Pull- und Push-Faktoren für die Land-Stadt-Wanderung. Die Dörfer verlieren an Attraktivität wegen schlecht ausgebauter Infrastruktur und bedingten individuellen Entwicklungschancen. Es zieht immer mehr Menschen in die Städte, weil es hier Jobs, Ausbildung und Freizeitangebote gibt. Die Wirtschaftsleistung der Länder ist in noch viel stärkerem Maße auf die Städte, und hier vor allem auf die Hauptstädte, konzentriert als die Bevölkerung. Doch zeigen sich hier ­große Unterschiede. Mehrere CEE-Haupt­städte haben hinsichtlich des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Wien und andere westliche Metropolen längst eingeholt. Ganz anders sieht es allerdings auf der Ebene der Nationalstaaten aus. Die Transformation seit dem Fall des Eisernen Vorhangs passiert also vorwiegend in den Hauptstädten. Umgekehrt ist es ein Erfolgsfaktor von Ländern wie Österreich, der Schweiz oder Deutschland, dass der ländliche Raum hinsichtlich der Wirtschaftsleistung kaum hinter die Metropolen zurückfällt.

Ein anderer Aspekt fällt in einigen CEE-Hauptstädten auf. Die Wirtschaft hätte Potenziale für eine weitere Verstädterung. Tatsächlich stagniert aber die Urbanisierung in vielen dieser Länder. Einer der zentralen Gründe dürfte bei wohnungspolitischen Defiziten liegen. Einerseits fehlen Strukturen für die Schaffung leistbarer Wohnungen in den Wirtschaftsmetropolen, andererseits hat die Massenprivatisierung der 1990er-Jahre die Mobilität der Bevölkerung massiv eingeschränkt. Oft ist die privatisierte Wohnung das einzige Asset der Haushalte. Ihr Wert im Fall eines Verkaufs reicht aber bei Weitem nicht, um sich dort, wo die Jobs sind, eine neue Wohnung zu kaufen. Man nennt dies einen „Lock-in“-Effekt. Die Haushalte und die Struktur der Wohnversorgung stecken im wörtlichen und übertragenen Sinn fest.

Wolfgang Amann ist geschäfts­führender Gesellschafter des IIBW – Institut für ­Immobilien, Bauen und Wohnen in Wien.

Wolfgang Amann ist geschäfts­führender Gesellschafter des IIBW – Institut für ­Immobilien, Bauen und Wohnen in Wien.















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