Ältere und Junge zusammen­spannen

Die demografischen Erkenntnisse zeigen es uns seit Jahren: Es werden weniger Kinder geboren, die Menschen werden älter. Dass das Pensionssystem darunter leidet, ist die eine Seite der Medaille, dass den Unternehmen die Mitarbeiter ausgehen, die andere. Doch es besteht Hoffnung.

Nur zur Erinnerung: Prognosen zufolge wird sich die Geburtenbilanz in Öster­reich bis 2050 negativ entwickeln. Zeitgleich steigt die Lebenserwartung von Männern um acht, jene der Frauen um knappe sieben Jahre. Plus: 110.000 Menschen werden in den kommenden Jahrzehnten ins Land kommen. Jaja, da brauchen wir mehr und andere ­Wohnungen – das hören wir die ganze Zeit. Aber ein anderer Aspekt blieb bislang völlig unbeachtet: nämlich wie sich diese Entwicklung auf Unternehmen, ihre Mitarbeiterstruktur und ihre Produktivität auswirken wird. Welche Ansätze es gibt, um die Zeit des Übergangs zu nutzen, hat Tabea ­Mayer in ihrer Bachelorarbeit „Alters­gerechte Arbeitsplatzgestaltung ­unter Berücksichtigung des demogra­fischen Wandels“ für die Fachhochschule Kufstein ­zusammengetragen.

Ausnützen statt aussortieren

Fest steht, dass es neue Arbeitsplatzmodelle braucht, um den Nachwuchskräftemangel der kommenden Jahre auszugleichen. Und das geht nur über neues Bewusstsein für die Qualitäten älterer Arbeitnehmer, vor allem in der Produktion. Sie zu nutzen und nicht durch „Aussortieren“ zu verlieren, ist die große Herausforderung. Während die „Silver Workers“ über größere Sachkenntnis und mehr Erfahrung bei geringerer Risiko­bereitschaft verfügen, gelten Jüngere als kreativer, lernfähiger und flexibler. ­Treffen beide Gruppen aufeinander, braucht es Strukturen, in denen sie sich konstruktiv begegnen können. Vor allem die älteren Mitarbeiter, deren Wissen für Unternehmen von unschätzbarem Wert sein kann, ­brauchen ein geeignetes Umfeld angesichts der nachlassenden körperlichen Kräfte. Soll ihre Leistungsbereitschaft und damit Erfahrung, Qualitätsbewusstsein und Urteilskraft erhalten bleiben, muss ihr Zuständigkeitsbereich auf vier opti­mierte Säulen gestellt werden, hat Mayer herausgefunden. Zum einen müssen die ergo­nomischen Gegeben­heiten an­gepasst, die Organisation umstrukturiert, die Pausen geregelt und gesundheitsfördernde Zusatzprogramme ange­boten werden.

Steter Wechsel

Ganz oben auf der Liste der Arbeitsplatzadaptionen steht die ergonomische Unterstützung der „Silver Workers“. ­Stehen sie etwa am Fließband oder ­müssen Messgeräte in senkrechter Haltung bedienen, sollte man sich vergegenwärtigen, dass diese Tätigkeiten Blut­ansammlungen, Kreislaufstörungen und Krampfadern zur Folge haben können. Wer bei der Arbeit sitzt, kennt Nacken- und sonstige Muskelverspannungen, Blutstauungen und Verdauungsbe­schwerden – vor allem mit fortschreitendem Alter. Deshalb sollte der Arbeit­geber darauf achten, dass seine reiferen ­Mitarbeiter zwischen stehenden und sitzenden Aufgaben wechseln können. Natürlich sind die gesetzlichen Gegebenheiten bezüglich des Arbeitsschutzes für jeden Unternehmer einzuhalten. Wer seine Erfahrensten halten will, sollte aller­dings noch ein Scherflein drauf­legen. Beispielsweise beim Lärm. Denn gerade bei älteren Mitarbeitern verengt ein Zuviel davon die Blutgefäße, senkt den Herzschlag und führt zu Muskel­anspannungen. Schallwände können überdimensionalen Lärm abhalten, auch Gehörschutzmittel helfen. Auch sollte man seine Wissensträger nicht allzu ­­großer Hitze oder Kälte aussetzen, auf eine Umgebungstemperatur zwischen 12 und 21 Grad achten. Andernfalls läuft man Gefahr, dass die Reaktionsfähigkeit nachlässt. Da auch das Sehvermögen nachlässt, ist auf ausreichende Beleuchtung von Gerätschaften und Arbeitsplätzen zu achten. Außerdem: Wer seine Mitarbeiter bedenklichem Staub, Rauch oder Nebel aussetzt, tut gut daran, Schutzkleidung bereitzustellen.

Im Biorhythmus planen

Geht es an die (Um-)Organisation der Arbeit, ist zu beachten, dass Überforderung die „Silver Workers“ unter Stress setzt, Unterforderung zu Ermüdung und damit verbundener Unfallgefahr führt. Das kann zwar bei Jungen auch der Fall sein, passiert aber nicht so schnell. Deshalb ist es sinnvoll, gerade den Älteren körperlich weniger anspruchsvolle Aufgaben zuzuteilen und sie in eine Jobrotation zu bringen, um Abwechslung zu gewährleisten. Körperliche Überbelastung verhindern bei Schichtdiensten in der Produktion auch kurze Arbeitsphasen zu außergewöhnlichen Zeiten sowie Pausen. Denn gerade für die 50-plus-Generation schlägt Arbeit gegen den Biorhythmus mit Schlafmangel, sozialer Isolation sowie Fehleranfälligkeit negativ zu Buche. Als letzte Säule empfiehlt Tabea ­Mayer gesundheitsfördernde Maßnahmen in Form von Informationsveranstaltungen und Aktionen, Präventionspro­gramme sowie körperliche und psychische Trainings­angebote. Um all diese Möglich­keiten auf den Prüfstand zu stellen, hat sie zwei Thesen formuliert und diese durch Be­fragung der Personal­ver­antwortlichen bei der Daimler AG zu untermauern versucht. These 1: Die Leistungsfähigkeit der ­älteren Mitarbeiter kann gefördert werden. These 2: Die ergonomische Ge­staltung des Arbeitsplatzes ist die wichtigste Maß­nahme, um die Gesundheit älterer Mitarbeiter zu erhalten.

Daimler bestätigt

Die Daimler AG hat bereits 2011 ein Generationenmanagement definiert, um der demografischen Entwicklung ent­gegentreten zu können. Als ­erster Schritt wurde dieses Problem im ­Intranet, in der Werkszeitschrift sowie in verschiedenen Veranstaltungen thematisiert. Zudem ­finden jährliche Qualifizierungsge­spräche statt, um lebenslanges Lernen sicherzustellen. Diese Initiative umfasst auch die Arbeits­platzergonomie in der Pro­duktion. Nicht nur dass soge­nannte Ergonomie­landkarten „gezeichnet“ und für die Mitarbeiter dort optimiert wurden; auch das Gesundheits­management wurde intensiviert. So können die Daimlerianer Gesundheitschecks als Vorsorgeunter­suchung machen lassen sowie an ­Bewegungstrainings teilnehmen. Auch ein Personalentwicklungsprogramm für ältere Mitarbeiter wurde aufgesetzt. Im Werk Bremen können Mitarbeiter über 40 den Beruf des Werkzeugmachers ge­meinsam mit jungen Auszubildenden erlernen. Zusätzlich kommen ehemalige Mit­arbeiter als „Daimler Senior Experts“ punktuell zum Einsatz. In diesem Sinne findet Tabea Mayer ihre beiden Thesen bestätigt; andere Quellen konnte sie nicht anzapfen. Die voest­alpine AG sowie Siemens, die ebenfalls zum Mitwirken aufgefordert worden waren, hatten auf eine Offenlegung der Aktivitäten in diesem Zusammenhang verzichtet. Schade, denn zu diesem Thema wird es noch viel Input brauchen.

Über die Arbeit
Die Abschlussarbeit, die in diesem Text vorgestellt wird, wurde an der FH Kufstein mit dem Titel „Altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung unter Berücksichtigung des demografischen Wandels“ von Tabea Mayer verfasst.

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